Politikwissenschaft

Westring

                                            Innenhof Westring 400, © Jürgen Haacks, Uni Kiel

Die Kieler Politikwissenschaft feiert im Jahr 2011 ihren 60. Geburtstag. Damit erinnert das Fach an die Besetzung der Professur für Wissenschaft und Geschichte der Politik mit Michael Freund im Mai 1951. In einem Lehrforschungsprojekt haben Dr. Wilhelm Knelangen und Prof. Dr. Tine Stein gemeinsam mit Studierenden die Geschichte der Kieler Politikwissenschaft aufgearbeitet. Ergebnisse dieser Forschungen finden Sie demnächst an dieser Stelle. Für die Arbeiten des Forschungsprojektes war eine zentrale Einsicht leitend: Die moderne Geschichte des Faches beginnt zwar mit dem Jahr 1951, die Traditionen einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Politik reichen aber viel weiter zurück. Wenn man genau hinsieht, sogar bis zu den Anfängen der Christian-Albrechts-Universität.

Geschichte der Kieler Politikwissenschaft

Politikwissenschaft ist ein junges Fach mit einer langen Tradition. Denn auch wenn sich die Politikwissenschaft in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg als eigenständige Disziplin durchsetzen konnte, zählte die wissenschaftliche Analyse der Politik seit den Anfängen der Universitäten zu den zentralen Aufgaben des akademischen Betriebs. Das gilt auch für Kiel. Zu den 17 Professoren, die bei der Gründung der Christian-Albrechts-Universität im Jahr 1665 den ersten Lehrkörper bildeten, gehörte auch Nikolaus Martini, der die politische Philosophie vertrat. Im Wintersemester 1665/66 las er über die "ersten Prinzipien der Politik nach wahren und festen, das heißt Aristotelischen Grundlagen gemäß den Gesetzen der analytischen Methode". Die Auseinandersetzung mit den - damals (und auch heute noch) modernen - Theoretikern der Politik wie Hobbes, Machiavelli, Grotius oder Pufendorf war auch in der Folge ein integraler Bestandteil von Forschung und Lehre der Philosophischen Fakultät der jungen Universität.

Kieler Klassiker der Politikwissenschaft

Dass das, was heute die Politikwissenschaft ausmacht, auch im 18. und 19. Jahrhundert die Entwicklung der Kieler Universität wesentlich mitgeprägt hat, kann an einigen Forschern verdeutlicht werden, die hier gewirkt haben und heute als Wegbereiter oder gar als Klassiker des Faches gelten. Dazu zählt der Historiker und liberale Politiker Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860). Bevor er zu einem der berühmten "Göttinger Sieben" und zum Mitverfasser der Paulskirchen-Verfassung von 1848 wurde, war Dahlmann von 1813 bis 1829 in Kiel außerordentlicher Professor für Geschichte. Der Beitrag seines politiktheoretischen Hauptwerks von 1835 - "Die Politik, auf den Grund und das Maass der gegebenen Umstände zurückgeführt" - für die Entwicklung des politischen Denkens ist erst in den letzten Jahren wieder entdeckt worden. Auch Lorenz von Stein (1815-1890), der als Vordenker des deutschen Sozialstaats und früher Vertreter einer modernen Verwaltungswissenschaft gilt, war seit 1846 als außerordentlicher Professor der Staatswissenschaften und des öffentlichen Rechts in Kiel tätig. Weil er für die Eingliederung Schleswig-Holsteins in den deutschen Verfassungsstaat eintrat, wurde er 1852 von der dänischen Regierung entlassen. Er trat später eine Professur an der Universität Wien an, wo er seine Studien zu einem System der gesamten Staatswissenschaften fortsetzte. Auch Hermann Heller (1891-1933), an dessen Konzept einer "Staatslehre als politischer Wissenschaft" die Gründungsväter der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland anknüpften, hatte in Kiel Spuren hinterlassen. 1919 habilitierte er sich hier für die Fächer Rechtsphilosophie, Staatslehre und Staatsrecht, war später Professor an den Universitäten Berlin und Frankfurt/Main und lehrte von 1928-1932 an der Deutschen Hochschule für Politik, die sich der Festigung der Weimarer Demokratie verpflichtet hatte.

Der Neubeginn des Faches nach dem Zweiten Weltkrieg

Kiel war unter den ersten Standorten, an denen - auf Anregung der westlichen Besatzungsmächte - nach dem Zweiten Weltkrieg die "Wissenschaft von der Politik" als Studienfach mit einer eigenen Professur institutionalisiert wurde. Mit Wirkung zum 1. Mai 1951 wurde mit dem Ruf an Michael Freund (1902-1972) auf die "freie und planmäßige Professur für Wissenschaft und Geschichte der Politik" ein politikwissenschaftlicher Lehrstuhl an der Christian-Albrechts-Universität begründet. Freund, für dessen Berufung sich sein Weggefährte und Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk maßgeblich einsetzte, hatte sich 1938 an der Universität Freiburg für westeuropäische Geschichte habilitiert, war dann aber aus politischen Gründen entlassen worden. Gegenüber den Erkenntnismöglichkeiten einer wissenschaftlichen Analyse des Politischen blieb Freund stets skeptisch, sein politikwissenschaftlicher Ansatz war vor allem ideen- und personengeschichtlich geprägt. Als Autor großer Studien, etwa über Georges Sorel (1932, 2. A. 1972), die Große Revolution in England (1951) oder über "Napoleon und die Deutschen" (1969), aber auch als Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Gegenwart" und regelmäßiger Kommentator des Tagesgeschehens in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der "Zeit" und der "Welt" wirkte er bis zu seinem Ausscheiden im Mai 1971 weit über die Grenzen seines Faches hinaus.

Nachfolger Freunds wurde Werner Kaltefleiter (1937-1998), der an der Universität Köln bei Ferdinand A. Hermens promoviert worden war und sich dort mit einer Arbeit über "Die Funktionen des Staatsoberhaupt in parlamentarischen Demokratien" (1970) habilitiert hatte. Der neue Lehrstuhlinhaber verstand die Politikwissenschaft als eine empirisch-analytische Disziplin und legte sein Augenmerk auf die Frage, wie menschliches Verhalten in der Politik durch institutionelle Rahmenbedingungen verändert wird. Kaltefleiter war maßgeblich an der Etablierung der empirischen Wahlforschung in Deutschland beteiligt und als Parteienforscher in der wissenschaftlichen Diskussion wie auch in der Öffentlichkeit gefragt. Von 1975 bis 1981 war der Politikwissenschaftler zudem Vizepräsident der Christian-Albrechts-Universität. In den 1980er Jahren konzentrierte sich Kaltefleiter, ein engagierter Verfechter einer auf Abschreckung basierenden Verteidigung, auf die Sicherheitspolitik. Im März 1998 starb er in Kiel.

Wilfried Röhrich (* 1936) war 1964 bei Carlo Schmid in Frankfurt/Main mit einer Arbeit über Spinozas "Staat der Freiheit" promoviert worden und hatte sich 1970 an der Christian-Albrechts-Universität mit einer Monographie über Robert Michels' Weg vom Sozialismus zum Faschismus habilitiert. 1973 wurde er der zweite Professor für Politikwissenschaft an der Christiana Albertina, der er bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2001 treu blieb. Das Fach versteht Röhrich entsprechend ihrem jeweiligen Erkenntnisobjekt als eine emanzipatorische bzw. als eine historisch-systemanalytische Disziplin. Ursprünglich aus der politischen Theorie und Ideengeschichte kommend, richtete sich Röhrichs Augenmerk zusehends auf die vergleichende Demokratie- und Elitenforschung sowie vor allem auf die Probleme der Internationalen Beziehungen und die Entwicklungstendenzen der neuen Weltpolitik.

Auf dem Weg zu neuen Ufern

In der Öffentlichkeit war das Institut für Politische Wissenschaft in den 1980er und 1990er Jahren auch durch das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Professoren bekannt. Nach dem Tod Kaltefleiters übernahm Edward Keynes (* 1940), Professor für Politikwissenschaft an der Pennsylvania State University, die Vertretung des Lehrstuhls. Er war hier bereits seit 1973 regelmäßig als Visiting Professor tätig und hält dem Institut auch nach seiner Entpflichtung in den USA die Treue. Nach schwierigen Diskussionen, in denen die Zukunft des Faches an der Christian-Albrechts-Universität in Frage stand, konnte zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein neuer Anfang der Kieler Politikwissenschaft gemacht werden. Zum neuen Lehrstuhlinhaber wurde im September 2001 Joachim Krause (* 1951) berufen, der 1982 an der FU Berlin mit einer Arbeit über "Sowjetische Militärhilfe gegenüber Entwicklungsländern" promoviert worden war und sich 1997 an der Universität Bonn mit einer Studie zum "Strukturwandel der Nichtverbreitungspolitik" habilitiert hatte. Vor seiner Kieler Zeit war Krause seit 1993 stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der Schwerpunkt des Lehrstuhls liegt auf Fragen der internationalen Politik und Sicherheitspolitik.

Seit dem Oktober 2006 ist die Politikwissenschaft ein Bereich des Instituts für Sozialwissenschaften, das eine gemeinsame Einrichtung der Philosophischen Fakultät und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität ist und in dem Politikwissenschaft und Soziologie zusammengefasst sind. Mit der neuen Struktur ist eine Neuordnung der politikwissenschaftlichen Professuren verbunden, mit der das Fach in Kiel verankert und konsolidiert werden konnte. Zum Wintersemester 2009/10 ist Tine Stein zur Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie berufen worden. Ein Jahr später hat Dirk Nabers, der zuvor am GIGA in Hamburg tätig war, die Professur für Internationale Politik und Internationale Gesellschaft übernommen, die an der Schnittstelle zwischen Politikwissenschaft und Soziologie angesiedelt ist. Am 1. Juni 2011 tritt Christian W. Martin, vorher Universität Hamburg, die Professur für Vergleichende Regierungslehre an.

Zu den Aufgaben des Faches zählt auch seit langem die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer für Wirtschaft/Politik. Die Didaktik von Wirtschaft und Politik haben über viele Jahre Eberhard Dall´Asta (bis 2004) und Klaus-Peter Kruber (bis 2009) vertreten. Zu Krubers Nachfolger ist zum Oktober 2009 Dirk Loerwald berufen worden.

Ein starkes Fach mit vielen Studierenden

Die Politikwissenschaft gehört seit vielen Jahren zu den am stärksten nachgefragten Studienfächern der Christian-Albrechts-Universität. Die Zahl der Studienbewerber liegt deutlich über der Zahl der vorhandenen Studienplätze, oftmals um das zehnfache höher. Rund 500 Studierende studieren derzeit das Fach im Bachelor- und Master-Studiengang bzw. im Hauptfach des auslaufenden Magisterstudienganges. Hinzu kommen 255 Studierende von Wirtschaft/Politik für das Lehramt Wirtschaft/Politik an Gymnasien und etwa 350 Studierende, die das Fach als Neben- und Wahlpflichtfach studieren.